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Manuel Sinn demonstriert verschiedene Funktionen der Software

Im/materialities
Studierenden-Workshop-Reihe

Wann

15. Januar 2025 / 26.-27. Februar 2025 / 26. März 2025

Wo

TU Berlin, Hauptgebäude, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin

Format

zwei eintägige Workshops / ein zweitägiger Workshop

Zielgruppe

Studierende aller Fachrichtungen (transdisziplinär)

Beteiligung InKüLe

Mithilfe bei konkreter Lehrkonzeption, technische Unterstützung und Beratung der studentischen Lehrenden

Durchführung

Manuel Sinn, Aron Petau, Bea Targosz

Text

Sabine Huschka, Anastasia Putsykina, Franz Siebler

Ein zweiter OpenCall

Eine zweite Ausgabe des Peer2Peer-OpenCalls von InKüLe adressierte – nach der erfolgreichen ersten Workshopreihe Hybrid Bodies im Sommersemester 2024 – studentisch konzipierte Workshop-Ideen zum Thema Im/materialities. Der Call galt studentisch geleiteten Workshops, die kollaborativ, experimentell und interdisziplinär Räume für gemeinsames Lernen und Reflektieren schaffen und technologische Gestaltungszugänge zu Körper- und Objektrepräsentationen in ihren sich verändernden Materialitäten ausloten.

Angesichts einer grassierenden Entgrenzung und einem regelrechten Verschwimmen von materiellen und immateriellen Welten fragte InKüLe nach künstlerischen Zugängen, die Denkanstöße für ein verändertes Verständnis und einen kreativen Umgang mit offensichtlichen Grenzverschiebungen zwischen digitaler und physischer Realität geben. Zu den drei angegebenen thematischen Schwerpunkten Sound+Interaction, Storytelling+Immersion oder Making+Building wurden Workshopvorschläge eingereicht, aus denen das Team von InKüLe drei Konzeptionen wegen ihres innovativen Ansatzes und überzeugenden Ineinandergreifens von künstlerischen Fragestellungen und ihrer technologischen Umsetzung ausgewählt hatte. Die Zugänglichkeit der vorgeschlagenen Medien sowie der Schwierigkeitsgrad ihrer Vermittlung waren für die Auswahl entscheidend, da die Workshops gerade auch für Anfänger:innen geeignet sein und ein ein- oder zweitägiges Format nicht übersteigen sollten. Die ausgewählten studentischen Workshopleitenden wurden vom InKüLe-Team bei der didaktischen Konzeption, technologischen Umsetzung und Durchführung ihrer Formate ausgiebig unterstützt und begleitet.

Im/materialities1

Studierende scannen sich gegenseitig als 3D-Modelle, um diese anschließend zu verschmelzen.
Eine Studentin scannt eine andere Person in Form eines Tisches
Student:innen zeigen die zusammengefügten Gesichter in Blender
Benutzeroberfläche der App Polycam beim Zuschneiden eines 3D-Modells; daneben ein Laptop mit Blender, auf dem eine gescannte Skulptur angezeigt wird
Studierende präsentieren ihr 3D-Modell auf dem Laptop

Im/materialities1
Objectify Your Body – 3D-Scan, digitale Körper und hybride Skulpturen

durchgeführt von Manuel Sinn in Zusammenarbeit mit Fang Tsai (Medientechnologie/InKüLe)

Der Workshop von Manuel Sinn thematisierte Fragen zur Objektivierbarkeit des menschlichen Körpers mittels seiner technologischen Erfassung und Formung. Das Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung galt einer Diskussion über die längst wirksamen gesellschaftlichen Auswirkungen technologischer Aneignung und Objektivierung von Körpern inmitten implementierter Machtverhältnisse. Gearbeitet wurde mit 3D-Scan-Technologien und den Tools Polycam und Blender.

Was bleibt vom Ich im 3D-Modell?

Die Teilnehmenden erschufen komplexe hybride Skulpturen, die menschliche Körperteile mit Alltagsobjekten verschmelzen ließen und Grenzen zwischen Materiellem und Immateriellem sichtbar infrage stellten. Nach einer Einführung in 3D-Scan-Techniken – insbesondere LiDAR und Photogrammetrie – bearbeiteten die Teilnehmer:innen ihre gescannten Körperteile mit Blender, um sie mit digitalen Alltagsobjekten zu kombinieren und als 3D-Modelle zusammenzuschweißen.

Skulpturen zwischen Identität und Abstraktion

Die entstandenen Arbeiten waren gleichermaßen spielerisch wie verstörend: etwa eine Vase in Form eines menschlichen Kopfes, eine Pflanze, deren Blätter aus Händen bestehen, oder ein Tisch, getragen von menschlichen Beinen. Die Skulpturen regten zur kritischen Reflexion über gesellschaftliche Körperbilder, Kontrolle und Selbstwahrnehmung an, wobei Fragen nach Kontrolle über den eigenen Körper, Selbstbestimmung in digitalen Räumen und die Auswirkungen von Selbst-Objektivierung im Spannungsfeld von Kunst, Technologie und Gesellschaft intensiv diskutiert wurden. Zum Abschluss präsentierten die Teilnehmenden ihre entstandenen Arbeiten in einer kleinen Ausstellung, um sie gemeinsam zu reflektieren.

Im/materialities2

Einführung in Materialkunde der Kunststoffe
Werkstattsituation im Raum
Nutzung der Open Source Werkzeuge und Maschinen
Arbeit mit dem Shaper Origin CNC
Dokumentation der Untersuchungen mit Hilfe der Marker ID Tokens
Einschmelzen der Kunststoffflocken mit Hilfe von Kontaktgrills
freies Experimentieren mit Hitze

Im/materialities2
Reshaping Plastics – Werkstatt, Labor, Experiment

durchgeführt von Aron Petau in Zusammenarbeit mit Franz Siebler (Medientechnologie/InKüLe)

Der Workshop von Aron Petau bot eine praxisorientierte Auseinandersetzung mit Kunststoffmaterialien und reflektierte ihre ökologischen Auswirkungen und künstlerischen Potenziale. Experimentelle Materialstudien eröffneten neue Perspektiven auf Plastik als gestaltbares und wiederverwendbares Material.

Experiment trifft Material

Zu Beginn des Workshops erhielten die Teilnehmer:innen eine Einführung in die Materialkunde: Unterschiede zwischen Duro- und Thermoplasten, bio- und ölbasierten Kunststoffen sowie gängige Recyclingkennzeichnungen wurden vermittelt, womit ein grundlegendes Verständnis für Materialkreisläufe geschaffen wurde. Im folgenden praktischen Teil des Workshops kamen verschiedene Techniken zum Einsatz, wie etwa aus dem Open-Source-Projekt Precious Plastic – einer globalen Community-Initiative, die Maschinen und Wissen für Kunststoffrecycling frei zugänglich macht. Mit einem Shredder wurden Kunststoffabfälle zerkleinert und unter Hitze und Druck in neue Formen gepresst. Die entstandenen Platten dienten als Ausgangsmaterial für weitere gestalterische Experimente.

Werkstatt, Labor, Experiment

Die Experimente und Arbeitsprozesse fanden in einer offenen Werkstattatmosphäre statt, wobei verschiedenste Werkzeuge wie Heißluftgeräte, Schneidwerkzeuge und CNC-Fräsen zum Einsatz kamen. Untersucht wurden dabei Farbigkeit, Oberflächenstruktur und Verarbeitbarkeit der verschiedenen Materialien. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Gestaltung sogenannter Marker ID Tokens, mit denen alle Materialexperimente digital dokumentiert und kategorisiert wurden.

Recyceln, gestalten,
experimentieren

Am zweiten Tag entwickelten die Teilnehmenden einzeln und gemeinsam verschiedenste Objekte. Trotz des meist unvorhersehbaren Materialverhaltens, was durchaus typisch für recyceltes Plastik ist, entstanden kreative Lösungen und erste funktionale Prototypen, z. B. ein Handyhalter. In der gemeinsamen Abschlusspräsentation wurden die Ergebnisse diskutiert und zukünftige Anwendungen reflektiert – etwa für interaktive Kunst, Mikrocontroller-Gehäuse oder experimentelles Design.

Präsentation der Material- und Formstudien

Im/materialities3

Bea Targosz
Lauschend in der Baumkrone
Teilnehmer:innen hören in ihre Umgebung
Testen des Mikrofonsignals
Teilnehmerin nimmt urbane Klänge auf
Teilnehmer:innen beim digitalen Sound Walk
Ausprobieren kabelloser Kopfhörer
Field Recording vor dem TU-Gebäude
Aufnahme während des Sound Walk

Im/materialities3
„Shared Listening“ – auditives Erforschen

durchgeführt von Bea Targosz in Zusammenarbeit mit Anastasia Putsykina (Medientechnologie/InKüLe)

Der Workshop wurde mithilfe von Anastasia Putsykina inhaltlich und zeitlich strukturiert und dann eigenständig von Bea Targosz, Künstlerin und Absolventin des Studiengangs Kunst und Medien der UdK Berlin, geleitet. Bea Targosz lud die Teilnehmenden ein, auditive Praktiken im öffentlichen Raum zu erproben und die Praxis des Field Recordings durch ortsspezifische Klangarbeit in der Umgebung der Universität kennenzulernen. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen installativen und forschungsorientierten Praxis an der Schnittstelle von Klangkunst, Ökologie und technologischer Wahrnehmung zielte der Workshop darauf, durch eine aktive Auseinandersetzung mit der akustischen Umwelt einen gemeinsamen Sound Walk – bestehend aus analogen Anteilen des Hörens und digitalen Anteilen durch Aufnahmen – zu entwickeln. Die Teilnehmenden fingen mit digitalem Equipment Umgebungsgeräusche ein und schärften hierdurch ihre sensorische Wahrnehmung: Hören wurde als kreative Praxis erfahrbar. Der Workshop begann mit einer Einführung in die Besonderheit des verkörperten Hörens und integrierte Erläuterungen zu relevanten Aspekten einer akustischen Ökologie, wie sie von der Komponistin Hildegard Westerkamp realisiert wurde. Hildegard Westerkamp gilt als Pionierin der Soundwalk-Praxis und fokussierte in ihren Arbeiten aktives Hören: während des Zuhörens wurden Klänge aufgenommen, wodurch sich akustische Wahrnehmungsprozesse intensivieren. Dieser theoretische Impuls bildete die Grundlage für die weiteren praktischen Erkundungen im Workshop. (Abb. 10, Abb. 11)

„Field Recording“ – Vom Zuhören zum Aufnehmen

In der ersten praktischen Phase begaben sich die Teilnehmer:innen auf einen analogen Sound Walk durch den Campusbereich, bei dem das bewusste Hören im Fokus stand. Der Wechsel vom Innenraum der Universität zur äußeren Klangumgebung – geprägt von natürlichen, tierischen und urbanen Klängen – diente als Ausgangspunkt für Übungen zur akustischen Fokussierung und einem Aufmerken für Wahrnehmungsverschiebungen. Gemeinsames Schweigen, direktes Zuhören und schriftliche Reflexionen vertieften die experimentelle Auseinandersetzung mit der akustischen Umgebung.

Danach konzentrierten sich die Teilnehmenden auf digitale Aufnahmeverfahren, um mit Mikrofonen, Audiorekordern und Silent-Disco-Kopfhörern ihre Hörwahrnehmung technologisch zu erweitern. Thematisch dem Shared Listening gewidmet wurden Klänge und Geräusche in Zweiergruppen abwechselnd aufgenommen und ihnen gelauscht. Mit Zoom H6 Rekordern und kabellosen Kopfhörersystemen wurde das Mikrofonsignal live an mehrere Kopfhörer übertragen – so entstand ein kollektives, immersives Hörerlebnis.  

Rekontextualisierung: Zwischen Aufnahmeort und Hörraum

Zurück im Seminarraum hörten die Teilnehmer:innen ihre aufgenommenen Field Recordings gemeinsam über Lautsprecher ab. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich die Wahrnehmung von Klang verändert, wenn Geräusche – ursprünglich im Außenraum erlebt – in einer neuen Hörsituation, dem Seminarraum, erneut wahrgenommen werden. Die Teilnehmenden tauschten sich in einer offenen Gesprächsrunde über die jeweiligen Aufnahmesituationen aus und reflektierten gemeinsam ihre Höreindrücke und das Wiederhören in veränderter Umgebung. Fragen wie sich Bedeutungen verschieben, wenn Klänge aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst in einen neuen übertragen werden, standen mit Blick auf das künstlerische Verfahren der Rekontextualisierung im Mittelpunkt.  

Mit dem Übergang zur digitalen Klangbearbeitung richtete sich der Fokus im Workshop auf die Frage nach der Materialität von Klang. Hierzu brachte Bea ausgewählte theoretische Perspektiven ein und reflektierte gemeinsam mit den Teilnehmer:innen, was es bedeutet, Klang aufzunehmen, zu speichern und digital zu verarbeiten. Diese theoretische Annäherung diente zugleich als Brücke zum übergeordneten Thema der Workshopreihe Im/materialities. Am Beispiel der digitalen Feldaufnahme wurde deutlich, wie immaterielle Phänomene – wie Klang – durch technische Verfahren fassbar, speicherbar und bearbeitbar werden. Die Aufnahme analoger Geräusche und ihre Umwandlung in digitale Signale machten den Übergang vom Flüchtigen zum Greifbaren erfahrbar. Der Medientheoretiker Jonathan Sterne beschreibt diesen Vorgang als eine kulturelle Praxis, in der Klang nicht nur dokumentiert, sondern transformiert wird – technisch, ästhetisch und bedeutungsgenerierend.

In der Abschlussphase erhielten die Teilnehmenden eine Einführung in digitale Klangbearbeitung mit der frei zugänglichen Software Audacity. Grundfunktionen wie etwa der Einsatz von Equalizern sowie Mel-Spektrogrammen zur Analyse und Isolierung von Frequenzen wurden vermittelt. Künstlerische Techniken aus dem Kontext der Workshopleiterin gaben Impulse für kreative Transformationen des Klangmaterials.

Der Workshop zeichnete insgesamt eine akustische Reise nach – von der Stille zum Klang, von der Aufnahme zum Hören, von der Interaktion zur Kontextualisierung. Das wechselseitige Spiel von Technik und Wahrnehmung eröffnete neue ästhetische Möglichkeiten und ein vertieftes Verständnis für unsere akustische Umwelt. Ein besonderer Fokus lag auf dem Einsatz von Klangtechnologien als Erweiterung des Körpers und dem Entdecken subtiler, oft überhörter Geräusche während der Sound Walks.  

Teilnehmerin hört eigenes Field Recording ab